• DAX20.948-3,5 %
  • ES504.905-4,1 %
  • US3039.465-2,7 %
  • EUR/USD1,11-0,1 %
  • BRENT65,68-10,5 %
  • GOLD3.095+0,3 %

Expertenanalyse US-Autozölle: „Angst vor einer Eskalationsspirale“

Trump kündigt neue Zölle an
Handelsstreit

US-Präsident Donald Trump sorgt mit der Ankündigung von neuen Zöllen auf alle Autoimporte für Unruhe und Kursverlusten an den Märkten. Das sagen Geldprofis zur Verschärfung des Handelsstreits.

27.03.2025 | 11:10 Uhr von «Peter Gewalt»

So analysiert Luca Pessarini, Chief Investment Officer von ETHENEA Independent Investors S.A., die angekündigten Maßnahmen der US-Regierung:

„Laut US-Finanzminister Scott Bessent stehen die ‚Dirty 15‘ im Fokus der Zollmaßnahmen – das sind die 15 Prozent der Nationen mit besonders hohen Handelsdefiziten oder -barrieren gegenüber den USA. Das betrifft die Europäische Union als den Handelspartner der USA mit dem zweitgrößten Defizit – direkt hinter China. Deutschland allein verantwortet rund 40 Prozent dieses Defizits.

Damit zeigt sich die US-Regierung weiterhin unberechenbar. Obwohl die angekündigten Zölle nach unserer Erwartung wohl nicht flächendeckend kommen werden, bleibt die Angst vor einer Eskalationsspirale hoch. Noch sehen wir keine Anzeichen für eine globale Rezession, aber wir raten Investoren dazu, mit Bedacht zu navigieren: Denn wir erwarten, dass uns das volatile Risk-On/Risk-Off-Umfeld noch länger erhalten bleiben wird.“

Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Netfonds AG, kommentiert:

"Trump ist als Politiker untypisch, er setzt das um, was er versprach, oder Herr Merz? Es war bekannt, dass die Zölle kommen. Wir diskontieren die Zölle das wievielte Mal? Es ist ein Disruption, keine Frage, aber die Welt wird sich weiterdrehen, Autos werden weitergefahren. Bezüglich Deutschlands teile ich die Sichtweise des IfW. Laut IfW („Kiel Institute“) werden sich die Folgen der US-Zölle kurzfristig wegen der Kapazitäten der deutschen Autobauer in den USA nur gering belastend mit -0,18 Prozent auf das BIP auswirken. Zur Einwertung der Betroffenheit ist nachfolgende Grafik hilfreich.

US-Autoimporte
US-Autoimporte

Quelle: Zerohedge

Was die neuen Zölle für den DAX und deutsche Autobauer bedeuten könnte, erklärt Jens Klatt, Marktanalyst bei Onlinebroker XTB:

"Der DAX befand sich am Donnerstag stark unter Druck, fiel zeitweise fast 2 Prozent kurz nach XETRA-Eröffnung, wobei besonders die Autosparte rund um Mercedes-Benz, BMW, Volkswagen und Porsche zu den größten Verlierern zählten.

Der Grund ist schnell ausgemacht: US-Präsident Donald Trump kündigte am Mittwoch 25 Prozent Zölle auf alle Autoimporte an und verschärfte den Handelsstreit mit der Europäischen Union.

Ehrlich gesagt ist diese Ankündigung keine wirkliche Überraschung, ganz besonders nach den Entwicklungen ab Februar, wo Trump Importzölle auf Güter aus Mexiko und Kanada, aber auch aus China anwendete. Dann war es nur eine Frage der Zeit, bis Importzölle auf Automobile aus der EU folgen würden.

Was jetzt interessant sein dürfte: wie reagiert die EU, aber auch Kanada, Japan oder Südkorea? 2024 machten japanische Automobile 28,3 Prozent der japanischen Gesamtexporte aus, vor dem Hintergrund der massiven Investitionen Japans in die USA hat Regierungschef Ishiba bereits die Frage aufgeworfen, ob es im Falle der USA wirklich sinnvoll sei, einheitlich 25 Prozent Zölle auf jeden Importeur anzuwenden. Hier ist bereits erkennbar, dass es Verhandlungen geben wird.

Bezogen auf Deutschland ist der Hebel für Verhandlungen allerdings alles andere als groß: erst vor gut einer Woche zeigten Zahlen für das Jahr 2024 die Wichtigkeit des US-amerikanischen Absatzmarktes für deutsche Autobauer: so wurden rund 3,4 Millionen neue Pkw im Wert von 135 Milliarden Euro in alle Welt ausgeliefert, die USA nahm mit 13,1 Prozent der Ausfuhren die meisten PKWs ab. Über 30 Prozent aller Porsche, über 15 Prozent aller BMW und weit über 10 Prozent aller VWs, Audis und Mercedes wurden im letzten Jahr in den USA verkauft.

Vor dem Hintergrund der bereits kämpfenden deutschen Autobauer und des wirtschaftlich schwachen Ausblicks für die größte europäische Volkswirtschaft, die mit noch höheren Steuerabgaben zur Finanzierung des jüngsten Schuldenpakets belastet werden dürfte, zumindest zeichnen sich solche in den aktuellen Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und SPD ja ab, ist das der nächste Tiefschlag - und macht sehr wahrscheinlich, dass man seitens Brüssel auf Druck aus Berlin auf Washington und Donald Trump zugehen wird müssen. Wie Angebote ausschauen könnten, muss abgewartet werden, die von Noch-Wirtschaftsminister Habeck geforderte "Stärke und Selbstbewusstsein" wird man sich besonders seitens Deutschlands kaum leisten können.

Bezogen auf den DAX ist nicht auszuschließen, dass es zeitnah zu einer tieferen Korrektur unter die 22 000 Punkte-Marke kommt, auch wenn sich der deutsche Leitindex nach initial stärkerem Verkaufsdruck zur Eröffnung am Morgen ein wenig stabilisierte.

Quelle: Trading Economics

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, erklärte laut dpa , die US-Zölle auf Autos träfen die deutsche Volkswirtschaft stärker als andere. "Allerdings dürften die unmittelbaren Auswirkungen auf die deutsche Volkswirtschaft als Ganzes erst einmal begrenzt bleiben." Viele US-Amerikaner würden weiter hochwertige deutsche Autos auch zu höheren Preisen kaufen. Fratzscher ergänzte, seine größere Sorge sei, dass die Unberechenbarkeit von US-Präsident Donald Trump die Unsicherheit für deutsche Unternehmen weiter erhöhen und Vertrauen zerstören werde.

 Quelle: Trading Economics

Thorsten Weinelt, Chief Investment Officer Commerzbank analysiert: 

"Die Auftragseingänge für langlebige Güter in den USA sind im Februar überraschend um 0,9 Prozent gegenüber dem Vormonat gestiegen. Die Marktteilnehmer hatten mit einem Rückgang gerechnet. Der Anstieg ist wohl auch auf Vorzieheffekte auf eine restriktiver werdende US-Zollpolitik zurückzuführen.

Diese Befürchtung bekam gestern Nacht weiteren Auftrieb. US-Präsident Trump kündigte globale Autozölle in Höhe von 25 Prozent an, die ab dem 2. April gelten werden. Diese sollen nicht nur fertige Fahrzeuge, sondern auch Autoteile betreffen. Insbesondere deutsche Hersteller sind von den Zöllen betroffen, da Fahrzeuge wie PKWs, LKWs und Motorräder im Wert von rund 34 Milliarden Euro in die USA exportiert werden (Stand 2023). Sonderregelungen wird es jedoch für Einfuhren aus Mexiko und Kanada geben, bei denen nur der dort geschaffene Mehrwert verzollt werden soll. Damit will das Weiße Haus den Sorgen der einheimischen Automobilhersteller begegnen.

Die Eskalation in der US-Zollpolitik kommentiert Howard Woodward, Portfolio Manager bei T. Rowe Price:

"Marktstimmung: Der Markt war zwar in gewisser Weise auf zusätzliche Zölle vorbereitet, doch der Zeitpunkt und das Ausmaß waren unerwartet. Dies verschlechtert die ohnehin schon schwache Stimmung der europäischen Verbraucher für hochpreisige Autos. Wir gehen davon aus, dass die Margen der europäischen Autohersteller in diesem Jahr und wahrscheinlich bis 2026 unter Druck bleiben werden.

Marktpositionierung: Nicht alle europäischen Autoanleihen werden gleichermaßen betroffen sein. Es wird erwartet, dass deutsche Hersteller, die in hohem Maße von US-Exporten abhängig sind, von Anlegern genauer unter die Lupe genommen werden. Im Gegensatz dazu könnten Unternehmen, die weniger vom US-Markt abhängig sind, Investitionsmöglichkeiten bieten. Wir rechnen mit einer zunehmenden Divergenz in der Performance einzelner europäischer Autoanleihen.

Zusätzliche Herausforderungen: Diese Zölle müssen im breiteren Kontext der bestehenden Herausforderungen im Automobilsektor betrachtet werden. Chinesische Hersteller mischen den Markt mit niedrigen Preisen und fortschrittlichen Technologien auf, um im Ausland zu expandieren. Darüber hinaus stehen europäische Hersteller aufgrund der verhaltenen Verbrauchernachfrage, des Preisdrucks, der zunehmenden Verbreitung von Elektrofahrzeugen und der strengen EU-Emissionsvorschriften unter Margendruck.

Technische Positionierung: Eine interessante Dynamik, die es zu beobachten gilt, ist das Emissionsvolumen der US-amerikanischen Autohersteller auf dem Euro-Anleihemarkt. Es bleibt abzuwarten, ob Investoren von europäischen Autoanleihen zu in Euro ausgegebenen US-amerikanischen Autoanleihen wechseln und ihr Engagement im Automobilsektor beibehalten werden. Dies könnte US-Unternehmen zugutekommen, die auf den EUR- und GBP-Märkten emittieren."

Diesen Beitrag teilen: